Vuvuzela, Ouzo und mehr

23. Juni 2010
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Crunch time, sagt der Amerikaner. “Siegt!”, fordert schlicht die BILD-Zeitung. Deutschland gegen Ghana, es geht um den Einzug ins Achtelfinale bei der Fußball-WM. Und ich habe frei. Also: Public Viewing. Rauf aufs Fahrrad Richtung Falkensee downtown. Eine Stunde vor Spielbeginn ist es schon erstaunlich ruhig auf den Straßen, zumindest bis zum Rathaus.

Dort schallt mir, ich falle fast vom Fahrrad, “Fußball ist unser Leben” entgegen. Tatsache: Das Lied der 74er WM-Helden wird im “schrääg rüber” in voller Lautstärke zelebriert und von Menschen mitgesungen, deren spätere Existenz die Eltern 1974 noch entrüstet von sich gewiesen hatten. Ein Platz ist allerdings im “schrääg” zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht zu bekommen – mein Ziel lag eh weiter Richtung Bahnhof. Zuvor muss ich noch den Bierflaschen-Scherben-Slalom absolvieren, der leider mittlerweile Standard im Umfeld eines Public Viewing geworden ist.

Ankunft im Karyatis an der Stadthalle, dort gibts ebenfalls die WM per Beamer – und die Vuvuzela-Belastung ist deutlich niedriger. Nur einer der Stammkunden hat eine Tröte mitgebracht – aber unter Androhung körperlicher Züchtigung lässt der Besitzer das Ding auf dem Tisch ruhen. Ich betrete das Restaurant unter vorsichtigen “Hellas, Hellas”-Rufen – schließlich ist Griechenland am Vortag ausgeschieden. Aber 24 Stunden später ist das längst vergessen – wer ist eigentlich Rehhagel? Jetzt sind Jogis Jungs dran. Und Petros, der Senior-Chef, der endlich mal wieder im Lande ist und sein griechisches Exil für ein paar Wochen verlassen hat, begrüßt seine langjährigen Stammgäste.

Draußen auf dem Marktplatz vor der Stadthalle fährt plötzlich eine Hundertschaft auf. Na ja, nicht ganz – aber zwei Mannschaftswagen der Polizei stehen da tatsächlich. Wegen Karayatis? Sicher nicht. Wohl auch nicht wegen der evangelischen Kirchengemeinde. Weiter hinten am Saftladen soll eine größere Veranstaltung sein. Wir hoffen, dass es ruhig bleibt. Das Spiel fängt an. Ich hab immer noch keinen Ouzo gehabt. Aber Aki, der Chef, kann helfen.

Özil hat die Riesenchance, nutzt sie nicht – aber auch Ghana ist brandgefährlich.  Ich krieg schon wieder leichte Kopfschmerzen von dem Dauer-Gedröhne der Vuvuzelas aus den Lautsprechern. Aber auch die Gäste im Karyatis fiebern mit – von 16 bis knapp 60 ist alles dabei, eine lustige freundliche Gesellschaft mit Niveau.

Dazu gibts übrigens seit kurzer Zeit im Karyatis eine neue Seite auf der Karte: “Für den kleinen Hunger”. Zu Preisen zwischen 5 und 7,50 Euro bekommt man die üblichen griechischen Leckereien als kleinere Portion – wenn die volle Dosis einfach zu mächtig wäre. Wirklich eine gute Idee.

45 Minuten gespielt – 0:0. Erstmal raus, eine rauchen. Keine Vuvuzelas. Ein wenig fachsimpeln. Ghana ist brandgefährlich. Aber wir sind optimistisch. Schließlich hat Serbien gegen Australien ja auch noch kein Tor geschossen.

15 Minuten sind rum. Der Hornissenschwarm ertönt drinnen wieder -  Günther Netzer ist weg, die Vuvuzelas übernehmen erneut. Und Tom Bartels, der feststellt: “Soooo viel steht auf dem Spiel.”

60.Minute – Ghana stellt die Passwege hervorragend zu – aber dann Özil, der schon zu verzweifeln schien. 1:0. Aber sofort vom Anstoß weg die nächste Chance für Ghana. Die Euphorie weicht sofort wieder der Anspannung.  Von Prinz Poldi ist wenig zu sehen – die Ghanaer haben mindestens zwei Prinzen – Tagoe und Kevin Boateng, dessen Halbbruder für Deutschland spielt.

Jamas – die Ouzo-Runde auf das deutsche Tor wird freigegeben – gleichzeitig spielt Ghana wieder gefährlich nach vorne. Philipp Lahm ist gerade noch rechtzeitig dazwischen. Anis-Geschmack im Mund, aber das Fan-Blut stockt trotz der Verdünnung.

Plötzlich ist eine Vierfach-Vuvuzela im Spiel – früher bekannt als Fanfare. Noch lauter – aber irgendwie harmonischer im Mehrklang. Auf jeden Fall kein Hummel-Brummen. Australien führt derweil 2:0 gegen Serbien, jetzt reicht Deutschland ein Unentschieden. Und dann wäre der Achtelfinalgegner nicht England, sondern USA. Aber wollen wir das wirklich? Nein! Wir wollen England auch dieses Mal im Elfmeterschießen bezwingen. Wir alle im Karyatis!

Moment, ich will es eigentlich nicht. Jetzt noch ein Tor von Ghana – und Deutschland würde Samstag gegen die USA spielen – und ich könnte dabei sein. Sonntag um 16 Uhr muss ich arbeiten – da wäre das Spiel gegen England. So ein Mist.

Serbien erzielt den 1:2-Anschlusstreffer – ändert erstmal nix. Die Nachspielzeit läuft – das Karyatis zählt runter. Zehn – neun – acht – der Schlusspfiff kommt sogar recht früh. Deutschland ist Gruppensieger.

Und ich kann das Achtelfinale nicht gucken. Interessiert zwar keine Sau – aber ich finds schade. Na ja, noch ein Bier und den Sieges-Ouzo. Dann sehen wir uns eben alle im Viertelfinale wieder. Da kann ich sicher.

Die Polizei hat übrigens ihren Posten auf dem Parkplatz neben der Stadthalle verlassen und strategisch günstigere Positionen besetzt. Auch Falkensee feiert – unter Aufsicht. Zumindest rund um die Bahnhofstraße.

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2 Responses to Vuvuzela, Ouzo und mehr

  1. Frank Winkler on 25. Juni 2010 at 01:28

    Ach, das hatte ich gar nicht mitbekommen, dass unser einziges Kino zumacht – aber wie ich jetzt in der MAZ gelesen habe, findet sich vielleicht sogar ein neuer Betreiber. Auffallend ist nur, dass schon wieder (in diesem Fall bei einem anderen Kino der Firma in Hennigsdorf) die hohe Pacht zumindest eine wichtige Rolle gespielt hat – das ist ja auch in Falkensee die Hauptursache für etliche Schließungen. Aber die Herren Vermieter wollen ja die Pächter lieber kurzfristig auspressen als langfristig regelmäßige Einnahmen haben.

  2. Christian on 24. Juni 2010 at 08:16

    Tja, Falkensee ist ne gefährliche Ecke – da hat die Polizei bestimmt alle Hände voll zu tun^^. Vielleicht hätte Ewald Bath ein großes Public-Viewing im Kino Ala veranstalten sollen, da hätt’s keine Polizei gebraucht, keine Scherben gegeben und das Kino wäre vllt. auch nicht pleite.

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